Metalle
Teil von Materialauswahl Kriterien für die industrielle Praxis
Materialauswahl Kriterien Checkliste für Konstrukteure
Materialauswahl Kriterien Checkliste: zwölf Prüfpunkte für Lasten, Umgebung, Fertigung, Kosten, Normen und Recycling, mit Bewertung nach VDI 2225.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Zwölf Prüfpunkte decken Anforderungen, Lasten, Umgebung, Fertigung, Kosten, Normen und Recycling ab.
- VDI 2225 liefert das Gerüst für den technisch-wirtschaftlichen Vergleich von Varianten.
- Pflichtenheft, Lastenheft und Normenlage werden vor der Werkstoffwahl geklärt.
- Jede Variante wird mit Kennwerten bewertet, nicht mit Gefühl.
Anforderungen und Randbedingungen klären
Der Startpunkt ist das Pflichtenheft. Es beschreibt Funktion, Bauteilgeometrie und Schnittstellen. Ohne diese Angaben bleibt jede Werkstoffentscheidung ein Ratespiel.
Getrennt davon steht das Lastenheft des Kunden. Es nennt Einbauort, Stückzahl und Lebensdauer. Konstrukteure leiten daraus die Beanspruchungsarten ab: Zug, Druck, Biegung, Torsion, Schwingung, Verschleiß und Korrosion.
Ein Bauteil kann mehrere Lastfälle gleichzeitig tragen. Ein Getriebegehäuse nimmt Torsionsmomente, Lagerkräfte und Wärmedehnung auf. Der Werkstoff muss alle Fälle abdecken, nicht nur den auffälligsten.
Sicherheitsbeiwerte richten sich nach Regelwerk und Schadensfolge. Ein Bruch im Personenschutz verlangt höhere Reserven als eine Abdeckung. Auch Umwelttemperatur und Montagezustand gehören in das Lastenheft.
Werkstoffkennwerte streuen. Streckgrenze und Bruchdehnung gelten als Mindestwerte aus dem Zeugnis. Wer mit Mittelwerten rechnet, plant eine Unsicherheit ein, die im Schadensfall teuer wird.
Toleranzen und Oberflächen gehören ebenfalls in die Anforderungsliste. Eine Passung mit enger Toleranz schließt manche Werkstoffe aus. Dasselbe gilt für Oberflächenhärte und Rauheit.
Prüfpunkte 1 bis 4: Anforderungen und Lasten
- Funktion und Pflichtenheft: Welche Aufgabe erfüllt das Bauteil?
- Beanspruchungsart: Zug, Druck, Biegung, Torsion, Schwingung, Schlag?
- Lastannahmen: statisch, zyklisch oder stoßartig, mit Sicherheitsfaktor?
- Steifigkeit und Festigkeit: Grenzwerte für E-Modul, Streckgrenze, Bruchdehnung?
Prüfpunkte 5 bis 8: Umgebung und Fertigung
- Temperaturbereich: Dauer- und Spitzenwerte, Kaltzähigkeit, Kriechen?
- Medium und Korrosion: Feuchte, Salz, Säuren, Reinigungsmittel, Kontaktkorrosion?
- Fertigungsverfahren: Gießen, Umformen, Zerspanen, Fügen, additive Verfahren?
- Nachbehandlung: Härten, Beschichten, Schweißnahtprüfung, Toleranzen?
Prüfpunkte 9 bis 12: Kosten, Normen und Kreislauf
- Werkstoffkosten: Preis je Kilogramm, Halbzeugform, Verschnitt?
- Fertigungskosten: Stückzeit, Werkzeugverschleiß, Ausschussquote, Nacharbeit?
- Normen und Nachweise: Werkstoffzeugnisse, Prüfungen, Zulassungen?
- Verfügbarkeit und Recycling: Lieferzeit, Alternativwerkstoff, Trennbarkeit, Rezyklatanteil?
Kosten und Verfügbarkeit früh schätzen
Werkstoffpreise schwanken mit Legierungszuschlägen und Energiekosten. Eine frühe Kalkulation mit Bandbreite schützt vor Überraschungen. Der Preis je Kilogramm sagt wenig, wenn Zerspanung oder Ausschuss den Aufwand treiben.
Verfügbarkeit ist ein eigenes Kriterium. Ein Sonderwerkstoff mit acht Wochen Lieferzeit kann ein Projekt verzögern. Konstrukteure prüfen daher Alternativen, die dieselben Kennwerte mit kürzerer Lieferzeit bieten.
Normen, Sicherheit und Kreislaufwirtschaft
Normen legen Werkstoffkennwerte, Prüfverfahren und Zeugnisse fest. Für Konstrukteure sind DIN-Normen und ihre Geltung die Grundlage für belastbare Zeichnungsangaben. Fehlt ein Werkstoffzeugnis nach 3.1, haftet die Konstruktion bei Schadensfällen schnell mit.
Maschinen müssen zudem die Anforderungen der Maschinen und Betriebssicherheit erfüllen. Das betrifft Werkstoffe, die im Betrieb brechen oder splittern können. Schutzeinrichtungen und Werkstoffwahl greifen hier ineinander.
Recycling beginnt bei der Konstruktion. Ressourcenschonung in Produktion und Konsum zeigt, wie Materialkreisläufe geschlossen werden. Für Konstrukteure heißt das: lösbare Verbindungen, sortenreine Werkstoffe, wenig Mischverbunde.
Für Druckgeräte, Aufzüge und Krananlagen gelten eigene Regelwerke. Sie nennen zulässige Werkstoffe und Prüfumfänge. Die Werkstoffwahl folgt dann nicht der freien Entscheidung, sondern der Zulassungsliste.
Bewertung mit VDI 2225
VDI 2225 beschreibt das technisch-wirtschaftliche Bewerten von Konstruktionsvarianten. Jede Variante erhält Punkte für technische Wertigkeit und für Kosten. Die Gegenüberstellung zeigt, welcher Werkstoff bei gleicher Funktion günstiger ist.
VDI 2225 nennt zwei Bewertungsgruppen: technische Wertigkeit und wirtschaftliche Wertigkeit. Die Gewichtung richtet sich nach den Anforderungen aus dem Pflichtenheft. Ein hoher Festigkeitswert wiegt bei einem Sicherheitsbauteil schwerer als ein niedriger Preis.
Eine einfache Bewertungstabelle hilft. Zeilen sind die Kriterien, Spalten die Varianten. Punkte von 0 bis 4, gewichtet nach Wichtigkeit. Das Ergebnis ist keine Wahrheit, aber eine nachvollziehbare Entscheidung.
Häufige Fragen
Wie viele Werkstoffe sollten verglichen werden?
Mindestens drei Varianten. Zwei Alternativen und der Favorit. So zeigt sich, ob der Favorit wirklich trägt.
Wann muss ich Normen prüfen?
Vor der Festlegung. Werkstoffnummer, Zustand und Zeugnisart gehören in die Zeichnung.
Reicht die Zugfestigkeit als Kennwert?
Nein. Streckgrenze, Bruchdehnung, Kerbschlagarbeit und Dauerfestigkeit sind oft wichtiger.
Was leistet VDI 2225?
Sie liefert ein Schema, um Varianten technisch und wirtschaftlich zu bewerten.
Welche Rolle spielt Recycling?
Sortenreine Werkstoffe und lösbare Fügungen senken Entsorgungskosten und erhöhen den Rezyklatanteil.